Glimmer in Kosmetika

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Ausbeuterische Arbeitsbedingungen beim Glimmer-Abbau. (Bild: oscar-timmers-reportagefotografie)

Glimmer ist ein wichtiger Bestandteil von Kosmetikprodukten, Autolacken oder Bremsbelägen. Im Nordosten Indiens schuften über 20.000 Kinder in den Glimmer-Minen, oft unter lebensgefährlichen Bedingungen.

In den Wäldern des indischen Bundesstaates Jharkhand ist die Erde reich an schimmernden Materialien. Tag für Tag verlassen die Menschen ihre Dörfer, um in den Hügeln danach zu graben. Je tiefer die Gruben, ­desto größer die Glimmer-Brocken. Doch mit jedem Meter steigt die Gefahr, unter der Erde begraben zu werden.

Minenarbeit statt Schule

Mineneinstürze, Schnittwunden, Skorpion­stiche oder Atemwegserkrankungen: All diesen Gefahren sieht sich auch der 12-jährige Salim ausgesetzt, wenn er für 50 Rupien (das sind rund 60 Cent) täglich 10 Kilogramm Glimmer abbaut. Salim arbeitet in einem Tagebau im bitterarmen Jharkhand im Nordosten Indiens.

Laut einer Studie des Kinderhilfswerks Terre des Hommes aus dem Jahr 2016 schuften über 20.000 Kinder in den Glimmer-Minen Indiens. Viele in ­Armut lebende Familien schicken ihre Kinder trotz der großen Risiken in die Minen statt zur Schule. 90 Prozent der Minen in Jharkhand und im benachbarten Bundesstaat Bihar sind illegal.

Lippenstifte, Autolacke, Toaster, ...

Glimmer ist ein wichtiger Bestandteil von schimmernden Kosmetikprodukten wie Lidschatten, Lippenstift oder Nagellack. In den Inhaltsangaben der Kosmetik-Hersteller findet man es unter seinem eng­lischen Namen "Mica" oder unter dem ­Kürzel "CI 77019". Das Mineral steckt ­jedoch auch in Autolacken, Reifen und Bremsbelägen und wird in elektronischen Geräten wie Toastern oder zur Isolation von Kabeln verwendet.

Rund ein Viertel des weltweiten Glimmer-Abbaus findet in den indischen Minen statt, Tendenz steigend. Die meisten Hersteller beziehen ihr Mica aus Indien und China.

Neue Standards, ferne Fluchtorte

Laut Gesetz dürfen in Indien Jugendliche unter 14 Jahren nicht arbeiten, schon gar nicht in gefährlichen Jobs wie im Bergbau. Die Behörden wollen deshalb dem illegalen Glimmer-Geschäft einen Riegel vorschieben.

Der Plan: Das Bergbauministerium soll neue Lizenzen an Minenbetreiber vergeben, die Arbeits- und Umweltschutzstandards einhalten und Kinderarbeit ausschließen.

Doch das hat zur Folge, dass die Menschen aus Angst vor der Polizei die Löcher für den Glimmer-Abbau nur noch tiefer im Schutz der Wälder graben.

10 bis 20 Todesfälle pro Monat

Die Nichtregierungsorganisation Bachpan Bachao Andolan (BBA), deren Gründer ­Kailash Satyarthi für seinen Kampf gegen Kinderarbeit 2014 den Friedensnobelpreis erhielt, verfolgt die Situation im Glimmer-Bergbau seit Jahren.

Jeden Monat werden von BBA zwischen zehn und zwanzig Todesfälle in eingestürzten Glimmer-Stollen dokumentiert.

Ein Informant von BBA, der anonym bleiben möchte, sagt, das Glimmer-Geschäft sei von einer "Kultur des Schweigens" umgeben.

Initiative "Responsible Mica"

"Spiegel Online" hat mehr als ein Dutzend Unternehmen, die Glimmer aus Indien ­kaufen, zu ihrer Lieferkette befragt. Alle Unternehmen teilten mit, man sei sich der Kinderarbeit in den Glimmer-Minen bewusst und arbeite daran, die Situation zu verbessern.

Der Chemieriese Merck, einer der größten Bezieher von Glimmer aus Indien, hat ­gemeinsam mit Unternehmen wie H&M, Chanel und dem Elektronikhersteller Philips die "Responsible Mica Initiative" ins Leben gerufen. Ihr Ziel: Bis 2022 wollen die Unternehmen nur noch Glimmer aus legalen Quellen kaufen.

Politik und Armut machen Kontrollen schwer

Der Glimmer-Handel ist jedoch unübersichtlich und intransparent. Terres des Hommes weist darauf hin, dass der Markt sich wegen der politischen Umstände und der extremen Armut in der Region nicht lückenlos kontrollieren lasse. Die Produk­tionskette verlaufe über die meist illegal betriebenen Bergwerke und internationale Zwischenhändler, die das Mineral weiterverarbeiten.

Synthetisches Mica

Einen neuen Weg geht das britische Kos­metikunternehmen Lush, das seit Jahres­beginn vollständig auf den Einsatz von Glimmer in seinen Produkten verzichtet. Das Mineral wird nun durch synthetische Stoffe ersetzt. Der Restbestand wird abverkauft. Natürliches Mica wird bei Lush auf der Zutatenliste als Mica, Potassium Alu­minium Silicate oder CI 77019 bezeichnet. Aus synthetischer Herstellung wird es ­Synthetisches Mica (Synthetic Mica) oder auch Synthetic Fluorphlogopite genannt.

"Synthetisches Mica kann aus natürlichem ­Phlogopit hergestellt oder auch komplett neu synthetisiert werden", bestätigt Birgit Schiller, VKI-Expertin für Kosmetik und Chemie. Über den Abbau von Phlogopit, ein häufig vorkommendes Mineral, ist allerdings wenig bekannt.

Das eigentliche Problem

Der Ansatz von Lush, natürliches Mica nicht mehr zu verwenden, beseitigt das eigentliche Problem jedoch nicht, nämlich die Ausbeutung von Arbeitskräften bei der Herstellung von Produkten. Wünschenswert wäre, dass Unternehmen sich verstärkt für faire Arbeitsbedingungen bei ihren Zulieferern einsetzen. Dazu gehört unter anderem die Auszahlung angemessener Löhne, um die Versorgung von Familien zu gewährleisten und Kinderarbeit zu verhindern.

Unser Tipp: Da der Glimmer-Handel unübersichtlich und intransparent ist, lässt sich die Herkunft des Mica nur schwer rückverfolgen. Wer auf Nummer sicher gehen will, ver­zichtet ganz auf Kosmetika, die natürliches Mica enthalten.

Naturstein: Das steinige Los der Minenarbeiter

Auch der Abbau von Naturstein ist mit Leid gepflastert. Indien produziert ein Viertel des weltweiten Natursteinaufkommens. Die Steine werden exportiert und unter der Bezeichnung "Kandla Grey" oder "Budhpura Grey" in Terrassenböden und Gartenanlagen verbaut.

Gefahr Staublunge

In den indischen Sandsteinminen erkranken viele Minenarbeiter an Silikose, auch bekannt als Steinstaublunge. Eine Steinstaublunge entsteht durch das Einatmen von quarzhaltigen Staubpartikeln, die in den meisten Natursteinen vorkommen, vor allem in Sandstein. In der Lunge bilden sich bindegewebige Knötchen, die sich entzünden und vernarben. Die Folge: Atemlosigkeit bis zum Erstickungstod.

Intransparente Handelsketten

Bei Stichproben des Indischen Rates für Medizinforschung wurden bei 16 bis 57 Prozent der Bergleute eine Silikose festgestellt. Besonders groß ist das Risiko dort, wo Minenbetreiber die Gesetze unterlaufen und etwa beim Bohren auf Wasser verzichten. Ähnlich wie bei Glimmer ist der Weg vom Steinbruch bis zum Konsumenten unübersichtlich, die Handelskette intransparent – was den Schutz der Arbeiter erschwert.

Labels

Das "Indo-German Export Promotion Project" (IGEP) ist ein Label für fair produzierte Steine, das besonderen Wert darauf legt, Kinderarbeit zu vermeiden. Die Labels "Fair Stone" und "Xertifix" verlangen zudem Maßnahmen zur Staubvermeidung. Beim Abbau mithilfe von Maschinen funktioniert das mit Wasser. Minenarbeiter bräuchten spezielle Masken – aber die sind teuer und bei der großen Hitze unter Tage kaum zu ertragen.

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