Grüne Lügen, böse Folgen - eine Diskussionsveranstaltung des VKI, moderiert von Mari Lang. Bild: VKI

Diskussionsveranstaltung: Grüne Lügen, böse Folgen

Eine Diskussionsveranstaltung über Greenwashing, Ökomythen und darüber, was das Klima wirklich rettet - moderiert von Mari Lang.

Nachhaltigkeit hat sich nicht nur zu einem der Trendthemen des 21. Jahrhunderts entwickelt, sondern ist Konsumenten weltweit ein wichtiges Anliegen. Einige Hersteller und Dienstleister haben rasch darauf reagiert und sinnvolle Lösungen entwickelt, doch viele andere gehen lieber den Weg leerer Versprechen – und setzen auf Greenwashing. Dabei versuchen Unternehmen durch geschicktes Marketing, eigene “umweltbewusste” Aktivitäten umfangreich zu bewerben. Im Alltagsgeschäft werden diese Aktivitäten folglich jedoch nicht systematisch umgesetzt.

Der Verein für Konsumenteninformation, der seit 1961 die Interessen von Österreichs Konsumenten vertritt, nimmt sich anlässlich seines heurigen Jubiläums dieses wichtigen Themas an: Was ist Greenwashing überhaupt? Woran lässt es sich erkennen und was kann man den halbherzigen Bemühungen von Unternehmen entgegensetzen?

Um Antworten auf diese Fragen zu finden und dem Phänomen in all seinen Teilaspekten auf den Grund gehen, hatte der VKI eine Runde illustrer Gäste eingeladen. Zusätzlich sollte auch das junge, digitalaffine Publikum einen niederschwelligen Zugang finden. So veranstaltete der VKI eine Online-Diskussionsveranstaltung am 15. September 2021, moderiert von Journalistin und ORF-Moderatorin Mari Lang.

Zu ihr ins Studio gesellten sich Wolfgang Hermann (VKI-Geschäftsführer), Raphael Fink (Nachhaltigkeitsexperte des VKI) und Theresa Imre (Gründerin des digitalen Bauernmarktes Markta). Extern schalteten sich Petra Leupold (Rechtsexpertin des VKI), Birgit Beck (Ernährungswissenschaftlerin des VKI), Claus Holler (Mitarbeiter Bio Austria), Florian Schlederer (Co-Organisator und Leiter des Personenkomitees beim Klima-Volksbegehren) sowie Hartwig Kirner (Geschäftsführer von Fairtrade Austria) zu. Als Auftakt zur Diskussion startete Wolfgang Hermann mit einer klaren und starken Botschaft: 

“Ich bin der Meinung, dass unsere grundsätzliche Aufgabe nicht ist, die Wahrheit zu finden, sondern unzulässige und irreführende Geschäftspraktiken darzulegen.”  – Wolfgang Hermann

Das Problem erkennen

Als große Befürworterin des regionalen Einkaufs und des bäuerlichen Handwerks ist sich Markta-Gründerin Theresa Imre sicher, dass die vermeintliche Überforderung der Konsumenten hinsichtlich komplexer Produktionslieferketten längst passé ist und oft nur ein Vorwand für Greenwashing. Der moderne Konsument verlangt Transparenz, sowohl bezogen auf die Inhaltsstoffe von Produkten als auch auch auf deren Herkunft und Transportwege.

“Ich bin überzeugt, dass zukünftige Konsumenten, auch jene, die mit Fridays for Future groß geworden sind, durchaus diese Komplexität unserer Produktion und der ganzen Wertschöpfungskette verstehen können.” – Theresa Imre

Die Bekämpfung von Greenwashing soll selbstverständlich die Konsumentenseite vor betrügerischen Praktiken schützen. Die schutzbedürftige Rolle der Kleinbauern und Familienbetriebe darf laut Imre dabei jedoch nicht vergessen werden. Für die kleinen Landwirtschaftsbetriebe ist es überlebensnotwendig, ihre mit großer Hingabe und Sorgfalt hergestellten Produkte durch Bezeichnungen wie “regional” und “nachhaltig” glaubwürdig unterstreichen zu können.

“Wie können wir vermeiden, dass Begriffe wie „regional“ oder „nachhaltig“ ihren Wert verlieren, weil das die Konzerne einfach nur groß auf ihre Werbeplakate schreiben und damit auch den Begriff zerstören?” – Theresa Imre

Klima-Volksbegehren-Organisator Florian Schlederer sieht eine Teilschuld für Greenwashing in der Politik. So sehr die Nachhaltigkeit Thema der Tagespolitik ist, so wenig konkrete und umsetzbare Lösungen gibt es – und noch weniger Entscheidungsträger, die bereit wären, sie anzuwenden. Dieser Umstand hat klarerweise einen Einfluss auf das größere Problem, das dem Greenwashing überhaupt erst Tür und Tor geöffnet hat: das Fehlen entsprechender Gesetze.

“Es ist schon so viel im Gange und ich glaube, es ist auch bei den Leuten da draußen angekommen, dass etwas getan werden muss. Jetzt brauchen wir nur noch die richtigen Hebel und Informationen, was wir denn tun können. Und politischer Druck ist enorm wichtig.”  – Florian Schlederer

Als Rechtsexpertin weiß Petra Leupold, dass Veränderungen immer auch einen rechtlichen Rahmen erfordern – und derzeit gibt es bezüglich Greenwashing keine klaren Regelungen. 

“Die EU-Kommission hat vor Kurzem gemeinsam mit den europäischen Verbraucherschutzbehörden in einer Untersuchung festgestellt: In 50 Prozent der Fälle werden zu vage und irreführende Nachhaltigkeits-Angaben gemacht. Das heißt, es gibt ein Rechtsdurchsetzungsdefizit bei Greenwashing.” – Petra Leupold

Als Konsument den Durchblick behalten

Einmal abgesehen von dem offensichtlichen Problem, dass es für zahlreiche Unternehmen und Organisationen ein Leichtes ist, ihre Produkte als “grün” zu verkaufen, gibt es auch Hoffnung: Nach wie vor existieren seriöse und glaubwürdige Informationsquellen – man muss die erhaltenen Fakten nur zu deuten wissen. Für Claus Holler von Bio Austria sind Bio-Gütesiegel bislang noch die bestkontrollierten. Geschützte geographische Angaben sind für ihn dagegen deutlich undurchsichtiger.

“Das beste Beispiel hierzu ist der Tiroler Speck. Da kann das Schwein aus Deutschland, Italien oder Tschechien kommen es wird in Tirol verarbeitet, verpackt und dann verkauft. Und auf der Verpackung steht dann: Tiroler Speck.“ – Claus Holler

Angesichts der riesigen Flut an Produktversprechen und der fehlenden Orientierung kann man sich als Konsument schnell frustriert fühlen oder gar resignieren. Denn derzeit ist ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und Vorsicht nötig, um zu erkennen, was wirklich gut – oder eben schlecht – für Mensch und Umwelt ist. Hartwig Kirner, Geschäftsführer von Fairtrade Austria, bleibt optimistisch, denn laut ihm befinden wir uns seit den letzten Jahren in einem Aufwärtstrend und dieser Umstand sollte uns inspirieren, weiterzumachen.

“Wenn wir uns alle Indikatoren anschauen egal, ob es um Wohlstand, Gesundheit oder Lebenserwartung geht die gehen alle nach oben. Und jetzt müssen wir das  Thema Klima lösen. Die Menschheit hat schon ganz andere Probleme gelöst.” – Hartwig Kirner

Was also tun, um zu erreichen, dass der Einkauf wirklich nachhaltig gestaltet werden kann und dass klarere Standards festgelegt werden? Eine der vielen Handlungsmöglichkeiten besteht nach Ansicht von Florian Schlederer darin, Entscheidungsträger ebenso wie Politiker direkt einzubeziehen. Denn in einer demokratischen Gesellschaft bleibt politischer Aktivismus eine der reinsten Aktionsformen. Zugegeben, politischer Aktivismus ist nicht jedermanns Sache. Aber es gibt andere Möglichkeiten, um denjenigen, die entscheiden, welche Produkte in unseren Supermarktregalen stehen sollen oder welche Dienstleistungen angeboten werden, eine klare Botschaft zu senden. Das Zauberwort lautet Nachfrage, denn in der klassischen Makroökonomie wird das Angebot immer von der Nachfrage bestimmt. So hat in der Vergangenheit das konstante Verlangen nach immer mehr so manche Produzenten dazu veranlasst, Abstriche in der Lieferkette zu machen. Das zeigt sich etwa am Beispiel der Fleischindustrie. 

Umdenken in der Ernährung

Einer der größten Verursacher von CO2-Emissionen ist die Fleischproduktion. VKI-Ernährungswissenschaftlerin Birgit Beck betont nachdrücklich, dass es an der Zeit ist, sich von hauptsächlich auf Fleisch basierenden Ernährungsformen abzuwenden. Demnach sind eine pflanzliche Ernährung oder zumindest ein eingeschränkter Fleischkonsum die schnellste Methode für einen verringerten CO2-Fußabdruck. 

“Es würde helfen, wenn die Österreicher von den 1,2 Kilogramm Fleisch pro Woche wegkämen und sich nach dem richten würden, was die Ernährungswissenschaft und Nachhaltigkeits-Experten empfehlen: 300 Gramm pro Woche. Damit wäre schon einmal ein erster Schritt getan.” – Birgit Beck

Hauptziel des VKI ist jedenfalls immer, die Konsumenten so zu informieren, dass sie fundierte Entscheidungen treffen können. Generell ist gesundes Misstrauen meist hilfreich. Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, sollte man den Dingen auf den Grund gehen und herausfinden, wie viel Wahrheit tatsächlich in einer Behauptung steckt. 

Übrigens: Der VKI bietet mit seiner Initiative “Greenwashing-Check” eine Plattform, um “grüne Versprechen” von Unternehmen zu prüfen. Konsumenten können Werbeversprechen von Unternehmen melden, der VKI prüft sie auf ihren Wahrheitsgehalt. Regelmäßig werden die Greenwashing-Checks auf den Kanälen des VKI veröffentlicht. 

In einem Punkt sind sich die Experten einig: Zwar gibt es noch viel zu tun, das System ist nicht perfekt und für zahlreiche Probleme müssen Lösungen gefunden werden. Es wurde aber auch schon eine Menge erreicht..

“Es gibt jetzt auch schon eine Vielzahl von Unternehmen, die sich auf den Weg gemacht haben in die richtige Richtung. Manche sehen weiter, manche sehen weniger weit. Wir müssen alle zusammenarbeiten, damit wir die Probleme überwinden und in 60 Jahren nicht mehr über Greenwashing reden werden. Und das wird auch sicher nicht der Fall sein.”  – Raphael Fink

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